Im Kollektiv gegen Amazon

    In bereits sieben Regionen geht der Einzelhandel inzwischen mit dem Internet-Kaufhaus Lokaso neue Wege, um der Konkurrenz von Amazon & Co. die Stirn zu bieten und der drohenden Verwaisung der Innenstädte etwas entgegenzusetzen. Initiator ist Patrick Schulte, der als Geschäftsführer von Billiton Internet Services zugleich Chef von Lokaso mit Sitz in Siegen ist. Kürzlich erst hat er einen Betreiber für die südwestfälische Region Bigge um Olpe sowie das Isartal am Starnberger See in Bayern gewonnen. „Wir sind mit weiteren Betreibern im Gespräch“, sagt Schulte. In den kommenden Monaten will er etwa zehn Regionen hinzugewinnen.

    Auch vor einer Expansion ins Ausland schreckt Schulte nicht zurück: Ein Partner in Spanien prüfe derzeit beispielsweise, ob Lokaso am spanischen Markt erfolgreich sein könnte, zum Beispiel in der Großstadt Dos Hermanos in der Provinz Sevilla. Das funktioniert nach dem Franchise-Prinzip. Schulte sucht eine lokale Betreibergesellschaft, an die er eine Lizenz für Onlineplattform und Infrastruktur vergibt. Die örtlichen Betreiber stellen dann die Fahrer und müssen ein Händlernetz aufziehen. Druckereien, Verlage, Agenturen oder Logistiker seien potenzielle Betreiberunternehmen. Für das Isartal ist es mit Marcel Sternkopf ein IT-Unternehmer aus Geretsried.

    An den Start gegangen ist der Onlinemarktplatz im südwestfälischen Siegen. Dort ist Lokaso seit September 2016 als Webkaufhaus online, in dem jedes Geschäft eine eigene Webseite inklusive Shopfunktion erhält. Lokaso mache Händler online sichtbar und erhöhe so deren Reichweite. Um Hosting und Betrieb, Updates und Weiterentwicklungen muss sich der Händler nicht kümmern. Auch bei der digitalen Präsentation der Waren hilft das Unternehmen. Der Händler zahlt dafür in Siegen einen Grundbetrag von 149 EUR im Monat plus einer Provision von 7 Prozent ab einer bestimmten Umsatzgröße auf der Plattform. Darin enthalten sind dann auch die Kosten für die Logistik – vom Versand über Rücksendungen und Abholung bis zur Auslieferung an die Kunden.

    „Der stationäre Handel muss sich neu erfinden“, meint Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder. Zwei Drittel der Händler sehen die Digitalisierung nach einer Umfrage des Verbands als „große Herausforderung“. Es gehe darum, die digitalen Kanäle intensiv und intelligent zu bespielen, neue Services anzubieten und die internen Prozesse zu optimieren. Die vorrangige Aufgabe für die Händler sei, den Kunden den Einkauf auf allen Kanälen zu ermöglichen. Das Problem: Einfach irgendeinen Onlineshop zu öffnen reicht nicht aus. Die Webseite muss hochwertig sein, regelmäßig gepflegt, häufig aktualisiert und mit professionellem Marketing den potenziellen Kunden bekannt gemacht werden. Das kann ein einzelner Händler kaum leisten. Kooperation, wie sie Lokaso mit einer gemeinsamen IT-Infrastruktur anbietet, könnte ein Ausweg sein.

    „Die Lieferung der Artikel ist kostenlos“, sagt Schulte – ein Unterschied nicht nur zu Amazon & Co. Auch Wettbewerber wie Atalanda, der ein ähnliches Modell in Wuppertal und Attendorn in Nordrhein-Westfalen anbietet, erheben Liefergebühren. Einen Mindestbestellwert gibt es ebenfalls nicht. Man wolle keine Schwellen aufbauen. „Wer heute nur einen Blumenkohl kauft, um uns zu testen, bestellt vielleicht morgen schon einen großen Warenkorb“, sagt Schulte. Die Waren würden zum Ladenpreis angeboten, und es gebe Mischwarenkörbe.

    Heute bestellt, heute geliefert

    Lokaso liefert die Waren am frühen Nachmittag und am Abend in einem Fahrradius von 15 bis 20 km aus. „Wir wollen Nähe in Geschwindigkeit umsetzen“, sagt Schulte. Um taggleiche Zustellung mit zwei Zeitfenstern umzusetzen, werden in Siegen zwei Fahrzeuge eingesetzt. Sie sind mit speziellen Kühlboxen ausgestattet, so dass außer Frischeprodukten auch Tiefkühlwaren transportiert werden können. Beschäftigt werden ein Fahrer in Vollzeit und zwei Minijobber. Lokaso liefert Bestellungen über DHL auch bundesweit aus.

    Inzwischen sind 50 Einzelhändler aus der Region Siegen dabei, darunter zahlreiche Lebensmittelhändler. Angeboten werden rund 1,4 Mio. Artikel, darunter allerdings knapp 1 Mio. Bücher. Ein normaler Supermarkt hat üblicherweise ein Sortiment von rund 10.000 Artikeln. Mehr als 2.000 Kunden umfasst die Datenbank. Bislang wurden mehr als 3.300 Bestellungen abgewickelt. Das entspreche wegen der gemischten Warenkörbe etwa 5.500 Bestellungen bei Händlern, sagt Schulte. In Siegen bearbeitet Lokaso somit durchschnittlich 15 Bestellungen am Tag. Den Preis des durchschnittlichen Warenkorbs beziffert Schulte auf 32 EUR. „Da ist sicher noch Luft nach oben“, meint er. Eine „gute Fee“, eine Mitarbeiterin am Servicetelefon, dient als Ansprechpartnerin und hilft bei Problemen mit der Bestellung.

    „Wir konnten über Lokaso neue Kunden gewinnen, die sonst garantiert nicht bei uns gekauft hätten, weil sie uns gar nicht kannten“, begrüßt zum Beispiel Ingo Gütelhöfer von der Feinkost-Fleischerei Gütelhöfer das Konzept – auch wenn es durchaus skeptische Stimmen unter den Händlern gibt. Schulte räumt dann auch ein, dass sich für die Händler die Teilnahme tatsächlich erst ab einem gewissen Umsatz rechne. Doch würden sich mehr als die Hälfte der Händler inzwischen beteiligen und mitgestalten. „Es hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass wir gemeinsam so stark sind wie Amazon & Co. und uns nicht ergeben müssen“, sagt Schulte.

    Ziel: 2019 Gewinnzone erreichen

    Das kaufmännische Wagnis scheint für die regionalen Betreiber vor allem wegen der kostenlosen Lieferung auf den ersten Blick recht hoch. Auch sollte der Aufwand zur Akquise der Einzelhändler nicht unterschätzt werden. Schulte beziffert zudem allein die Investitionen von Lokaso in die Technik auf einen hohen sechsstelligen Betrag. Doch unterscheidet er zwischen regionalen Betreibern und dem Franchisegeber. Denn in jeder Region gebe es ähnliche Strukturen für die Technik.

    Das Webkaufhaus in Siegen sei nach vier Monaten in den schwarzen Zahlen gewesen. Grundsätzlich rechnet Schulte damit, dass das Modell dem Betreiber nach drei Jahren etwas abwirft – und sich ohne öffentliche Förderung trägt. Die Lokaso GmbH, die die IT-Struktur entwickelt und bereitstellt, werde in zwei Jahren die Gewinnzone erreichen, ist Schulte überzeugt – vorausgesetzt die Expansion des Modells in Deutschland setzt sich erfolgreich fort.

    Quelle: http://www.dvz.de/rubriken/logistik-verlader/single-view/nachricht/im-kollektiv-gegen-amazon.html, 07. September 2017

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